










Redaktion: Also hat der Aufenthalt in Deutschland da sehr gut dazu beigetragen.
Yusufbek: Ja. Besonders die Besuche im Klinikum, in Pflegeheime, Altenheime …
[Anmerkung der Red.: Klinikum Obergöltzsch, MediClin Brunnenbergklinik Bad Elster, Pflegeheim Haus Kolin, Greiz]
Redaktion: Wo haben sie so gut Deutsch gelernt?
Yusufbek: In der Schule. Aber nicht nur in der Schule, sondern auch ich habe extra einen Kurs gemacht. Und Deutsch wird bei uns in Fergana als erste Fremdsprache gelernt, vor allem in Schulen mit erweitertem Deutschunterricht ab der ersten Klasse.
Redaktion: Was unterscheidet – Ihrer Meinung nach – die Pflege in Deutschland von der Pflege in Usbekistan? Diese Frage haben Sie hier bestimmt ganz oft gestellt bekommen.
Leyla: Da gibt es einen großen Unterschied. In Usbekistan kümmern wir um uns um die älteren Menschen zu Hause. Ja, das ist üblich, dass ein älterer Mensch zu Hause ist und bei seinen Kindern gepflegt wird. Aber in Deutschland ist das ganz anders. Das machen die Pflegefachfrauen, die Pflegekräfte.
Redaktion: Das heißt aber auch, Sie wohnen dann mit ihren Großeltern zusammen in einer Wohnung oder in einem Haus, sonst wäre das ja gar nicht möglich. In Deutschland ist es ja ganz typisch, dass man als junge Familie alleine wohnt, seine Kinder aufzieht. Die alten Menschen wohnen oft allein in ihrer Wohnung oder in ihrem Haus. Und wenn sie dann pflegebedürftig werden, dann ist das für die Familie meistens sehr schwierig. Man muss entweder dorthin, um sie dort zu Hause selber pflegen und wenn es zu schwierig ist, dann ist eben das Pflegeheim bei uns oft das Mittel der Wahl, oder das Krankenhaus, wenn jemand erkrankt ist. Gibt es denn Pflegeheime auch in Usbekistan, also gibt es diese Institutionen?
Leyla: Die gibt es, aber nur sehr wenige.
Yusufbek: Bei uns gibt es keine Pflegeheime, sondern nur Altenheime. Wenn unsere Großeltern dann gepflegt werden müssen, dann bringen wir sie ins Krankenhaus und dort pflegen wir auch selber. Die Eltern oder die Kinder besuchen sie oft. Usbekistan ist inzwischen eines der entwickeltsten Länder der Welt. Und deshalb hat es bei uns auch schon angefangen, dass sowohl die Männer als auch die Frauen gleichermaßen zur Arbeit gehen. Früher war das ein bisschen anders. Da sind nur die Männer zur Arbeit gegangen und die Frauen blieben zu Hause und kümmerten sich um die Kinder und um die Großeltern. Ich denke, mit der Zeit wird sich der Bereich Pflege so weiterentwickeln, dass in Usbekistan viel mehr Pflegekräfte gebraucht werden. Ja, das wird mit der Zeit geschehen. Das ist meine Vermutung.
Redaktion: Aber ich glaube, Sie sind ein sehr junges Volk. Das heißt, Sie haben viele junge Menschen, viele Kinder, weniger ältere Menschen als hier bei uns in Deutschland.
Leyla: … kein demografischer Wandel.
Redaktion: Ist es so, dass man in Usbekistan als Familie „schlecht angesehen ist“, wenn man seine Großeltern nicht zu Hause pflegt, sondern wenn man sie eben zum Beispiel in ein Pflegeheim gibt? Bei uns in Deutschland ist es praktisch Standard, dass man sagt, wir gehen als Familie arbeiten, muss meine Kinder betreuen, ich kann mich nicht noch um die alten Menschen kümmern. Deswegen: Pflegeheim. Das ist nicht schön aber, oft ist es so. Wie sieht das bei Ihnen aus?
Leyla: Ich denke, das hängt nicht vom Land ab, das hängt von den Menschen ab. Was die Menschen denken, können wir nicht verbieten. Das meine ich. Manche Menschen denken, dass es ein bisschen schlecht ist, dass man sich ja auch selbst kümmern könnte.
Yusufbek: Aber ich kann sagen, die Alten in die Altenheime zu bringen, hat nicht so einen guten Ruf, es wird es nicht so gern gesehen. Die Jüngeren sollen sich um die Alten kümmern. In Deutschland ist das aber schon normal, standardisiert. Ein Großteil bei uns bringen selten ihre Eltern ins Altenheim.
Redaktion: Was erwarten Sie denn von der Ausbildung hier? Haben Sie schon entschieden? Hat diese Woche schon ausgereicht um die Entscheidung zu treffen, hier eine Ausbildung zu beginnen oder sind Sie noch im Zweifel? Und wenn sie ausgereicht hat, was hat den Ausschlag gegeben?
Yusufbek: Ich denke, ich habe diese Frage schon beantwortet. Ich hatte früher Zweifel, aber nicht so viel und jetzt kann ich die Entscheidung schon treffen.
Redaktion: Leyla, wie ist das bei Ihnen?
Leyla: Ich habe gehört, dass es besser wäre, ein Pflegestudium zu machen. Es gibt eine Pflegeausbildung und ein Pflegestudium. Vielleicht würde ich ein Pflegestudium machen, wenn ich ein DAAD-Stipendium gewinnen würde.
Redaktion: Man kann ja den Weg auch so wählen – der ist natürlich dann länger – dass man sagt, man macht erstmal die Ausbildung und kennt dann „das Handwerk“, weiß wirklich, wie die Pflege am Menschen, ganz gleich, ob alter Mensch oder Kind funktioniert und setzt dann das Studium noch hinten dran. So könnte man dann vielleicht auch eine Leitungsfunktion in der Pflege bekleiden, selber ein Pflegeheim leiten oder einen ambulanten Pflegedienst aufmachen.
Redaktion: Sie entscheiden sich dafür, in Deutschland zu bleiben und dann hier bei uns zu arbeiten? Oder haben Sie vor, nach der Ausbildung wieder nach Usbekistan zu gehen?
Yusufbek: Heimweh habe ich nicht so viel. Ich kann mir schon vorstellen, dass ich in Deutschland bald eine Ausbildung mache um dann zum Beispiel mehr als fünf Jahren nach der Ausbildung hier zu arbeiten und Erfahrungen zu sammeln. Das kann sich mit der Zeit auch noch verändern. Aber jetzt habe ich das Gefühl, dass ich hier in Deutschland mehr gebraucht werde.
Redaktion: Ja das stimmt, wir brauchen dringend Fachkräfte.
Yusufbek: In Usbekistan gibt es eher keinen Fachkräftemangel. Also ich werde mehr in Deutschland gebraucht, denke ich, als in Usbekistan.
Redaktion: Leyla, wie sehen Sie das?
Leyla: Ich weiß, dass Bildung in Deutschland auf einem hohen Niveau steht. Wenn ich hier studiere und ausgebildet werde, dann könnte ich das auch in Usbekistan allen anderen beibringen. Vielleicht gibt es Dinge, die wir in Usbekistan so nicht wissen, dann werde ich das in Deutschland lernen und bringe dieses Wissen dann mit nach Usbekistan.
Redaktion: Gibt es eine vergleichbare Pflegeausbildung in Usbekistan oder lernt man das Pflegen eher im Rahmen der Familie?
Yusufbek: Also wie ich weiß, gibt es keine Ausbildung oder kein Studium zur Pflege in Usbekistan. Vielmehr werden die Alten in der Familie gepflegt. Und ja wie ich gesagt habe, es gibt Krankenschwestern, aber sie kümmern sich nicht um die Hilfe beim Waschen, das macht die Familie.
Redaktion: Aber es gibt eine Krankenschwesterausbildung?
Yusufbek: Das unterscheidet sich ein bisschen. Das ist keine richtige Ausbildung.
Leyla: Wir wissen es nicht ganz genau, aber die Ausbildung kann man ein paar Monate machen und dann ist man ausgebildet.
Redaktion. Wie haben Sie es denn empfunden, mit unseren Pflegekräften in Kontakt zu kommen in den Einrichtungen? Haben Sie das Gefühl, sie werden akzeptiert? Wurden Sie freundlich aufgenommen, haben das Gefühl, dass Sie mit unseren Menschen zurechtkommen werden?
Leyla: Ja. Ich hatte gehört, dass die Menschen in Deutschland sehr verschlossen sind. Aber hier habe ich alle Deutschen so nett getroffen. Sie war so offen, ja und gesprächsfreundlich.
Redaktion: Sie hatten also das Gefühl, das wird funktionieren.
Leyla: Ich habe mich wohlgefühlt. Alles, was ich sagen wollte, habe ich gesagt. Alle Fragen, die ich im Kopf hatte, habe ich fast alle beantwortet bekommen. Ich habe meinen Mund nicht geschlossen …
Redaktion: Was war denn das Highlight in dieser Woche? Gibt es etwas, von dem Sie sagen, das war besonders toll, besonders schön?
Leyla: Alles.
Redaktion: War das Ihre erste Auslandsreise jetzt oder waren sie auch schon wo anders?
Leyla: Nein, noch nie. Mich hat alles fasziniert.
Redaktion: Und auch der Flug und die Unterkunft waren gut?
Yusufbek: Der Flug hat ein bisschen lange gedauert, fast sieben Stunden und dann noch vier Stunden mit dem Bus …
Redaktion: Vielen Dank, dass Sie hier zum Interview da waren, Leyla und Yusufbek. Wir wünschen Ihnen alles, alles Gute für Ihre Zukunft.
Interview geführt am 8.11.2025 am bsw-Bildungszentrum Reichenbach, bearbeitet von Martina Roeber.